
Wir waren im November in Nordland, nicht in der echten Polarnacht — die beginnt dort erst Anfang Dezember. Aber vier Stunden Tageslicht reichen völlig, um zu verstehen, warum Leute wegen des Lichts hierher fahren.
Wir stehen an einem zugefrorenen See bei Narvik. Der Himmel über den Bergen ist rosa und violett, das Eis wirft es zurück, und wenn man den Kopf dreht, ist die andere Hälfte des Himmels schon fast dunkel. Es ist Viertel nach zwei am Nachmittag.
Zu Hause wäre das eine besondere Viertelstunde. Hier ist es einfach der Übergang, der jeden Tag stattfindet und jeden Tag anders aussieht.

Ballangen, kurz nach zwei


Der Begriff Polarnacht wird großzügig verwendet, deshalb hier die genaue Einordnung: Bei Narvik auf 68 Grad Nord geht die Sonne von Anfang Dezember bis Anfang Januar nicht mehr auf. Wir waren im November da, also davor. In Kokelv auf 70 Grad Nord dauert sie etwa von Ende November bis Ende Januar — wir waren Ende Februar dort, also danach.
Wir haben die echte Polarnacht also nie erlebt. Was wir kennen, sind kurze Tage: im November gut vier Stunden zwischen dem Hellwerden und dem Dunkelwerden, mit langen Dämmerungen davor und danach.
Das ist ehrlich gesagt schon genug, um den Tagesablauf komplett umzustellen.
Zu Hause verteilt sich ein Tag über zwölf oder mehr helle Stunden. Man verschiebt Dinge, man macht sie später. Das geht hier nicht. Wer um elf frühstückt, hat drei Stunden.
Nach zwei, drei Tagen stellt sich der Rhythmus von selbst um. Wir sind früher aufgestanden als zu Hause im Urlaub, waren um neun draußen und um zwei zurück. Der Nachmittag gehörte der Hütte, und das fühlte sich nicht nach Verlust an, sondern nach Feierabend.
Der Nebeneffekt, den wir nicht erwartet hatten: Man wird sehr aufmerksam für das Licht. Wenn es knapp ist, schaut man genauer hin.
Die Sonne steht im November so flach, dass sie nie richtig hochkommt. Statt eines kurzen Sonnenaufgangs und eines kurzen Sonnenuntergangs gibt es einen langen Übergang, in dem der Himmel Farben annimmt, die man aus mitteleuropäischen Breiten nicht kennt: erst ein tiefes Blau, dann Rosa, oft Orange, manchmal beides gleichzeitig an verschiedenen Seiten des Himmels.
Der Schnee macht den Unterschied. Er wirft alles zurück, was von oben kommt, und färbt sich mit. Eine Landschaft, die um elf Uhr weiß war, ist um halb zwei rosa.
Wenn man sich unsere Bilder dieser Reise ansieht, sind die meisten vor zehn oder nach zwei entstanden. Nicht aus Absicht, sondern weil dazwischen weniger passiert.

Morgens gegen neun — hier fängt der Tag an


Die Frage kommt oft: Wird man da oben nicht trübsinnig. Wir können das für zwei bis drei Wochen Aufenthalt verneinen, und das ist eine ehrlichere Antwort als ein pauschales Nein.
Es ist etwas anderes, ob man drei Wochen als Gast dort ist oder den vierten Winter in Folge dort arbeitet. Für einen Aufenthalt in dieser Länge ist die Dunkelheit kein Problem, sondern ein Reiz — man ist ohnehin draußen, wenn es hell ist, und drinnen, wenn es dunkel ist. Das ist ein sehr klarer Tag.
Was hilft: eine Unterkunft mit großen Fenstern und warmem Licht. Was nicht hilft: der Versuch, den gewohnten Tagesablauf beizubehalten.
Ja, das steht auf der Liste. Nach dieser Reise vor allem aus einem Grund: Wenn vier Stunden Licht schon so aussehen, wollen wir wissen, was passiert, wenn die Sonne gar nicht mehr über den Horizont kommt und der Himmel den ganzen Tag in diesem Blau steht.
Wenn du in den lichtarmen Monaten in den Norden willst, kannst du unseren Reiseplaner als Ausgangspunkt nutzen.
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