
Honningsvåg wird von den meisten nur als letzte Tankstelle vor dem Nordkapp behandelt. Dabei steckt in den 2.400 Einwohnern und der Kriegsgeschichte der Stadt mehr, als eine Stunde Zwischenstopp zeigt.
Kurz nach zehn Uhr, Hafen von Honningsvåg. −4 °C, Wind direkt von der See. Wir rollen die letzten Kilometer über die E69 in den Ort hinein. Am Kai liegt ein Fischkutter, daneben der Anleger für die Hurtigruten-Schiffe. Keine Menschenmenge, keine Reisebusse – die fahren an den meisten Tagen direkt zum Nordkapp durch, ohne hier zu halten.
Genau das ist der Punkt. Honningsvåg ist für fast jeden, der hierher kommt, nur eine Zahl auf der Route: letzter Ort vor dem nördlichsten Punkt Europas. Wir wollten wissen, was übrig bleibt, wenn man die Stadt nicht nur durchfährt.
Die Kommune Nordkapp hat insgesamt rund 3.200 Einwohner. Drei Viertel davon leben in Honningsvåg selbst – etwa 2.400 Menschen. Der Rest verteilt sich auf Nordvågen mit rund 400 Einwohnern und auf kleinere Dörfer wie Kamøyvær, Skarsvåg, Valan und Gjesvær. Für eine Gemeinde auf 71° Nord ist das eine erstaunliche Konzentration an einem einzigen Ort.
Das merkt man im Ortsbild. Honningsvåg hat einen Supermarkt, eine Schule, eine Kirche, einen Hafen mit echtem Fischereibetrieb – kein Kulissendorf für Nordkapp-Touristen, sondern ein Ort, der auch ohne die Attraktion 34 Kilometer weiter nördlich existieren würde. Nur dass fast niemand, der durchfährt, das überhaupt bemerkt.



Am Hafen steht ein Bautastein, ein Gedenkstein. Kaum ein Reiseführer erwähnt ihn, die meisten Nordkapp-Besucher laufen daran vorbei, ohne ihn zu sehen. Er erinnert an 59 Einwohner der Gemeinde, die kriegsbedingt starben. Honningsvåg wurde im Zweiten Weltkrieg mehrfach Ziel britischer und sowjetischer Luftangriffe – die Wirtschaft des Ortes war zu der Zeit weitgehend auf die deutsche Kriegswirtschaft ausgerichtet, was die Stadt zum Angriffsziel machte.
Das ist keine Fußnote, die man beim Vorbeifahren mitnimmt. Wer den Stein nicht sucht, findet ihn nicht. Wir sind die 200 Meter vom Auto aus zu Fuß gegangen, nachdem wir im Supermarkt eingekauft hatten. Zehn Minuten, die sonst niemand investiert.
Praktisch betrachtet ist Honningsvåg tatsächlich das, was sein Ruf verspricht: die letzte Gelegenheit, bevor es auf Magerøya dünner wird. Wir haben hier den Kühlschrank für die nächsten Tage aufgefüllt – Brot, Käse, etwas Warmes zum Kochen. Lebensmittelpreise in Norwegen liegen ohnehin über dem, was man aus Deutschland kennt, und je weiter man sich von größeren Orten entfernt, desto kleiner wird die Auswahl in den Dorfläden. Honningsvåg ist der letzte Ort auf der Route, an dem das noch kein Problem ist.
Genau diese Doppelrolle – Infrastruktur-Stopp und eigenständiger Ort – wird selten zusammen gedacht. Die meisten planen für Honningsvåg 20 Minuten ein: tanken, einkaufen, weiter. Wir haben zwei Stunden gebraucht, um Hafen, Gedenkstein und die paar Straßen zwischen den bunten Häusern zu sehen. Das reicht immer noch nicht für alles, aber es reicht, um zu verstehen, dass hier mehr Leben stattfindet als der Durchreiseverkehr vermuten lässt.


Von Honningsvåg sind es noch 34 Kilometer bis zum Plateau. Oben in der Nordkapphallen gibt es etwas, das in kaum einem Reisebericht mehr als einen Halbsatz bekommt: das Nordkapp-Diplom des Royal North Cape Club. Für uns ist es das Beste, was wir von dieser Reise mit nach Hause genommen haben.
Nicht, weil man damit Geld spart. Sondern weil es ein Stück Papier ist, das bleibt. Auf jedem Diplom stehen der Name und das Datum, an dem man oben war. Wir haben vier davon mitgenommen, eins für jeden von uns – auch für die Großmutter, die mit uns am Nordkapp stand. Solche Momente lassen sich nicht wiederholen. Das Diplom hält ihn fest.
Dazu kommt die Mitgliedschaft im Club: Sie gilt ein Leben lang und schließt freien Eintritt am Nordkapp ein. Bis ans Ende unserer Tage können wir also wieder hinauffahren – mit oder ohne Großmutter. Die Erinnerung an diesen einen Tag haben wir so oder so für immer.

Unsere vier Nordkapp-Diplome – eins für jeden, der dabei war.

Honningsvåg wird weiterhin von den meisten nur als Vorzimmer zum Nordkapp wahrgenommen werden. Für uns war es der Moment, in dem die Fahrt zum nördlichsten Punkt Europas erstmals nach einem echten Ort aussah statt nach einer Ziellinie. Wie es dann am Nordkapp selbst weiterging, erzählen wir im nächsten Beitrag.
Wir planen Honningsvåg fest als Etappe ein, nicht als Tankstopp.
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